Primeur Angebot – wie weiter?

Bezüglich Preisgestaltung ist ein Blick zurück in die Anfangszeiten der Primeur-Angebote interessant. Bis zum Beginn der achtziger Jahre verlief der Bordeaux-Subskriptions-Einkauf still und besonnen. Bekannte Châteaux gaben im Frühjahr nach der Ernte eine sogenannte première tranche zum Verkauf frei – einerseits zur Prüfung der Aufnahmefähigkeit und Kaufbereitschaft des Marktes, andererseits aber auch zur Kapitalbeschaffung. Die Fachleute reisten nach Bordeaux, degustierten die Gewächse in Ruhe und trafen ihre Kaufentscheide. Damals bestätigte sich, dass junge Weine guter Jahrgänge normalerweise günstiger zu erstehen sind als alte. Schon früh (erstmals 1967) öffneten wir diesen Einkaufs-weg den Liebhabern grosser Bordeaux-Weine. – Die berühmten Bordeaux’ sind nun aber in den letzten 30 Jahren mehr und mehr zu Spekulationsobjekten geworden. Oft stand die Rentabilität vor der Qualität, und die Sammler verdrängten die Geniesser. Die Schlossbesitzer reagierten rasch, schöpften den zu erwartenden Gewinn bereits im voraus ab und erhöhten die Preise munter. Deshalb konnten nachträglich nur noch mit wenigen Gewächsen bemerkenswerte Wertsteigerungen erzielt werden. Aufgrund der gegenwärtigen Marktsituation und der rückläufigen Exportzahlen, speziell nach China, darf man sich mit Fug und Recht fragen, ob das Primeur-System sich nicht überholt hat und ob es sinnvoll ist, Bordeauxweine in Subskription zu kaufen und so das Geld während rund zwei Jahren zu blockieren. Während vieler Jahre führte ich bei den Primeur-Angeboten hauptsächlich folgende zwei Kaufargumente ins Feld: Die Subskription erlaubt es, sich seine Lieblingsweine rechtzeitig zu sichern. Dieses Argument sticht – speziell bei Jahrgängen, die nicht zu den ganz grossen zählen – nicht mehr. Die Nachfrage für die Jahrgänge 2011 bis 2014 war bei den Bordeauxhändlern sehr gering. Der 2015er ist zwar qualitativ besser als seine Vorgänger und zählt zu den guten, aber nicht zu den grossen Bordeaux-Jahren. Grundsätzlich werden sämtliche Gewächse aus den jüngsten Jahrgängen – auch aus den ertragsschwächeren – nach der Flaschenfüllung noch zu finden sein. Bei einem frühzeitigen Einkauf profitiert man vom günstigsten Preis. Die Notierungen für die abgefüllten Weine, selbst für jene mit berühmten Namen und für hervorragende Jahrgänge, haben sich in letzter Zeit kaum bewegt und waren in den letzten Monaten teilweise sogar rückläufig. Vielfach waren die Weine der jungen Jahrgänge, wenn sie lieferbereit waren, noch für das gleiche Geld zu haben, wie seinerzeit en primeur. Ein Beispiel: Anfang 2014 offerierte ein renommierter Bordeauxhändler den vorzüglichen 2010 Château Pichon-Longueville-Lalande zu einem Preis, der rund 20% unter dem seinerzeitigen Primeur-Preis lag (“The wine has been released at euro 138/bottle during en primeur. We are pleased to offer it at euro 113/bottle”). Ist das Primeur-System passé, das unser Weinhaus vor gut 50 Jahren in der Schweiz eingeführt hat und dessen Hochblüte wir in den beinahe 25 Jahren ab 1982 bis gut 2005 erleben durften? Ich bin geneigt, das zu glauben. Zu gross ist die Unsicherheit bezüglich preislicher und qualitativer Entwicklung der Weine. Sollten sich die Besitzer der berühmten Bordelaiser Châteaux jedoch wider Erwarten mässigen und zu vernünftigen Preisen zurückkehren, könnte das System eine Zukunft haben. Dann würden wir uns erneut als Vermittler anbieten. Vorläufig bleiben wir jedoch bei „wait-and-see“.
Über Rolf Reichmuth

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