Bordeaux 2015 – Eile mit Weile

Wir sind der Pionier für Bordeaux-Subskriptionsverkäufe in der Schweiz. 1967 öffneten wir diesen Einkaufsweg den Liebhabern grosser Bordeaux-Weine. Seit 2012 habe ich diese Angebotsart sistiert. Es ging nicht darum, einen Jahrgang pauschal zu verurteilen, doch die Voraussetzungen für Subskriptionseinkäufe sind seither nicht mehr gegeben. Qualitative Gründe spielen bei diesem Entscheid mit, vor allem aber auch marktwirtschaftliche Überlegungen. Der Jahrgang 2015: Produzenten und Vermittler (die Händler in Bordeaux und im Ausland) zitieren nun vorzugsweise jene positiven Passagen aus den Kommentaren der Weinjournalisten, die einem Verkauf förderlich sind. So wiederholt sich das Spiel wie seit eh und je. 2015 ist ohne Zweifel besser gelungen als seine vier Vorgänger. Um das festzustellen braucht es wenig Fachkenntnisse, es genügt ein Blick auf den Klimaverlauf. Bezüglich Homogenität der Qualität reicht der 2015er jedoch nicht an die Jahre 2005, 2009 oder – vor allem – an 2010 heran. Eine sorgfältige Auswahl ist deshalb unumgänglich, und um eine solche zu treffen, muss der Wein zuerst seinen Kinderschuhen entwachsen und (am zuverlässigsten) schon in der Flasche sein. Zu Beginn der 2015er-Primeur-Kampagne kamen vor allem preisgünstige Gewächse (mit CHF-Verkaufspreisen von etwa bis 40 Franken pro Flasche inkl. Import und MWSt) auf den Markt, die eine Subskription kaum rechtfertigen. Aufgrund der ansehnlichen Erntemengen werden diese auch später noch verfügbar sein. Berühmtere Namen werden erst jetzt angeboten, allerdings mit zum Teil erklecklichen Preissteigerungen gegenüber dem Vorjahr von bis zu rund 50% (!). Dies führt sie auf ein Primeur-Preisniveau, das einiges über demjenigen für den hervorragenden 2005er liegt – ohne jedoch dessen Qualität zu erreichen. Wir beobachten die Situation aufmerksam und raten gegenwärtig (Ende Mai 2016) zu einer „wait-and-see position“. Neben der wenig erfreulichen Preisentwicklung krankt das Primeur-System noch an etwas anderem: an den voreiligen Kommentaren. Die gegenwärtig zirkulierenden Beurteilungen über die Bordeaux 2015 sind etwa von gleicher Zuverlässigkeit wie die wechselhaften Vorhersagen der Konjunkturforscher, bei denen der Ankündigung meist eine Korrektur folgt. Besonders problematisch sind jene Aussagen, die – mit exakten Noten – einem definitiven Urteil über ein Gewächs gleichkommen und damit dem Wein vernichtende Blitze oder umsatzschaffenden Segen senden. Was die einzelnen Kommentatoren als Orientierungshilfe für Bordeauxinteressierte mitzuteilen versuchen, könnte unterschiedlicher und verwirrender nicht sein. Sich widersprechende Degustationsnotizen zum gleichen Gewächs sind keine Seltenheit. Das ist verständlich. Die Berichte basieren auf (zu) frühen Bordeauxdegustationen von Anfang April. Eine Tendenz, eine Veranlagung ist dann wohl erkennbar, eine abschliessende Beurteilung jedoch kaum möglich. Die endgültigen assemblages sind in vielen Fällen noch nicht gemacht, die Weine befinden sich in einer schwierigen, pubertären Entwicklungsphase und zeigen sich innerhalb weniger Tage unterschiedlich. Während des Barriquen-Ausbaus werden sich Farbe, Frucht und Gerbstoffe noch verändern. Was jedoch bereits erkennbar ist, sind Reinheit, Harmonie und Substanz. Sie vermögen etwas auszusagen über das zukünftige Potenzial. Kritik ist notwendig. Es gibt keine fruchtbare Entwicklung ohne fruchtbare Kritik, eine ernste, gewissenhafte, fachtechnisch kompetente und begabte Kritik. Jedoch erst dann, wenn die Arbeit fertig, der Wein in der Flasche ist. Eine Beurteilung nach der Flaschenfüllung ist zweifellos am zuverlässigsten. Es kommt niemandem in den Sinn, einen Bildentwurf, ein ungedrucktes Buchmanuskript, eine Theaterprobe oder ungekochte Mahlzeit zu kritisieren. Stets wartet man auf das vollendete Werk. Warum nicht beim Bordeaux? Aus langjähriger Erfahrung weiss ich zudem, dass manche Weine, die sich in der Jugend unvorteilhaft präsentieren, später oft positive Überraschungen bereithalten (und umgekehrt!). Kommt hinzu, dass bei solchen Degustationsmarathons die äusseren Bedingungen einer konzentrierten Verkostung oft abträglich sind: Hektik, Gedränge, laute Diskussionen, beeinflussende Kommentare und störende „Handys“. – Aussagekräftiger sind Degustationen ab Mai oder später. Dann arbeitet man ungestört, sei es auf den Châteaux selbst (mit Jahrgangsvergleichen) oder bei négociants, die die Muster aus ganzen Appellationen beschaffen. Weitläufige Kontakte erlauben es darüber hinaus, Informationen zu überprüfen und so ein objektiveres Bild zu erhalten.